agrigate.ch ::

afcontent

Praxis TIPP

Umgang mit Veränderungen 3: Beispiel der Tabakpflanzer

Zeitachse für Veränderungsprozesse
Ein kurzer Blick über die Grenze zeigt, wie die deutschen Tabakpflanzer mit den einschneidenden Veränderungen bei den Direktzahlungen umgehen.

Die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik der EU hat innerhalb der europäischen Landwirtschaft zu diversen Veränderungs- und Anpassungsprozessen geführt. Besonders betroffen sind die Tabakpflanzer, da ihre Direktzahlungen nach und nach abgeschafft werden. Somit stehen die Tabakpflanzer vor großen Herausforderungen.

Ausgangssituation - Schock

Mit dem Anbau von Tabak konnte viele Jahre eine relativ hohe Wertschöpfung je Flächeneinheit erzielt werden. Zudem ist der Tabak in einigen Regionen (z.B. der Pfalz) mehr als nur ein landwirtschaftliches Erzeugnis. Er stellt vielmehr seit Jahrhunderten eine kulturelle Identität dar, die sich beispielsweise in vielen Ortsbildern widerspiegelt, wo eine Tabakscheune neben der anderen steht und der Tabakanbau die Landwirtschaft intensiv mit geprägt hat. Die EU Agrarreform aus dem Jahr 2004 hat deshalb zu einem grossen Schock bei den Tabakpflanzern geführt. Seitdem herrscht im deutschen Tabakanbau große Unruhe, da in der Ausgangssituation bis zu 75% der Erlöse im Tabak über Direktzahlungen generiert wurden. Jetzt, im Jahre 2010, sind sämtliche Direktzahlungen für den Tabak gestrichen und die Förderung erfolgt derzeit im Rahmen der Betriebsprämie, die bei den Tabakbetrieben bis zum Jahr 2013 komplett gestrichen wird (siehe Grafik). Diese Situation verdeutlicht, dass der Tabakanbau in Deutschland als Ganzes gefährdet ist und somit alle Tabakbaubetriebe vor großen Herausforderungen stehen, entweder in der Tabakproduktion selber oder in alternativen Bereichen innerhalb oder ausserhalb der Landwirtschaft.

Folgende Grafik verdeutlicht die Situation: Erlösentwicklung im Tabakanbau in Deutschland

Umgang mit der veränderten Situation

Viele Tabakpflanzer haben zunächst einmal nicht wahrhaben wollen, dass extreme Veränderungen auf sie zukommen werden. In den ersten beiden Jahren nach dem Beschluss der EU stand bei vielen Betrieben die Verdrängung der Problematik im Vordergrund. Die Realität wurde grösstenteils ausgeblendet und erst langsam wuchs die Erkenntnis, dass man sich intensive Gedanken um die Zukunft des eigenen Betriebes machen muss. Verstärkt wurde diese Haltung noch dadurch, dass durch die Absicherung über die Prämie bei vielen Betrieben ein marktorientiertes Bewusstsein nur bedingt ausgeprägt war und man weiter intensiv darauf setzte, dass die Interessenvertreter durch Lobbyarbeit in der Lage sein würden, die EU zu einer Revision der Beschlüsse zu bewegen. Erst als die ersten Veränderungen im Jahr 2006 persönlich wahrnehmbar wurden, stellte sich bei vielen Betrieben das notwendige Problembewusstsein ein. Allerdings gibt es auch einige Betriebe, die bereits von Beginn an ihre Strategien überdacht und verändert haben. Es gibt aber auch diejenigen Betriebe, die selbst heute in 2010 noch ohne Anpassungen oder Veränderungen Tabakbau so betreiben wie vor 10 Jahren.

Ganz grob können deshalb drei verschiedene Typen unterschieden werden, die man als „Gestalter“, „Anpasser“ und „Bewahrer“ bezeichnen kann. Am Beispiel der deutschen Tabakpflanzer sollen diese drei Typen etwas genauer betrachtet werden.

Die Gestalter

Charakteristisch für diese Gruppe ist, dass sie schon lange vor der Reformentscheidung die Strategien ihrer Betriebe immer wieder neu überdacht und ausgerichtet haben. Darunter finden sich dann ganz verschiedene Betriebsmodelle wieder, die mal intensiv auf den Tabak zugeschnitten, mal auf Diversifizierung ausgerichtet sind oder Tabak „lediglich“ als zweites Standbein zur Absicherung neben einer Spezialisierung auf einen anderen Bereich betrieben haben. Die Betriebsleiter aus dieser Gruppe haben schon relativ früh nach der Reformentscheidung ihre Betriebsausrichtungen angepasst, wobei die Anpassungen betriebsindividuell sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Einige haben den Tabakanbau sehr schnell aufgegeben, andere haben konsequent andere Betriebszweige ausgebaut, so dass die Bedeutung des Tabaks für den Gesamtbetrieb immer geringer wurde. Ganz wenige haben trotz der grossen Herausforderungen den Tabakanbau ausgebaut und kulturtechnisch verändert, weil sie auf steigende Weltmarktpreise ab 2010 und Kostendegression durch grössere Einheiten und verstärkten Technikeinsatz setzen. Allen diesen Veränderungen liegen intensive Analysen des eigenen Betriebes und des Umfeldes zugrunde, wobei sich die Betriebsleiter vor allem durch hohe Eigeninitiative auszeichnen.

Die Anpasser

Bei dieser Kategorie handelt es sich um die grösste Gruppe der Tabakpflanzer. Sie haben in der Regel die Notwendigkeit für Veränderungen erkannt, haben aber dennoch sehr lange darauf gesetzt, dass die Reformen noch einmal überarbeitet werden. In dieser Gruppe finden sich sehr viele traditionsbewusste Landwirte wieder, die Tabakanbau oft über 200 Jahre in ihrer Familie betrieben haben und für die Tabak keine Kultur darstellt, die einfach ausgetauscht werden kann. Die meisten wissen sehr genau, dass sie etwas verändern müssen, können sich mit diesen Prozessen aber nur schwerlich anfreunden. Dennoch stellen sie sich der Problematik umso näher die Veränderungen bei den Prämien rücken. Seitens des Projektes war sehr deutlich zu erkennen, dass das Interesse nach Informationen und Kontakten in andere Bereiche aus dieser Gruppe heraus im Jahr 2006 noch sehr gering war, jedoch bis zum Jahr 2008 intensiv angestiegen war. Von da an entwickelten die Betriebe ähnlich viele Konzepte wie die Gruppe der Gestalter, sei es beim Ausbau der Direktvermarktung, sei es beim Aufbau eines Hofcafes, sei es bei der Produktion von Kräutern oder aber auch bei einer Abkehr von der Landwirtschaft.

Die Bewahrer

Bei den Bewahrern besteht wenig Wille, sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen. Speziell in dieser Gruppe konnte oftmals eine Verhaltensweise beobachtet werden, die als Verdrängung der Realität bezeichnet werden kann. Betriebsleiter aus diesem Bereich stellten immer wieder die Bedeutung des Tabakanbaus für die Region heraus und leiteten daraus für sich einen Anspruch auf Beibehaltung des Status Quo ab. Im Gegensatz zu den ebenfalls traditionsbewussten Anpassern, fehlt den meisten Bewahrern der Pragmatismus, um sich den Herausforderungen konsequent zu stellen. Sie sind eher auf der Suche nach „Schuldigen“ (Politik, EU, Gesundheitsexperten), die nun ihren Tabakanbau zerstören wollten und betonen deshalb sehr intensiv den „Kampf“ für ihren Tabakanbau. Betriebe aus dieser Gruppe sind dementsprechend auch diejenigen, die erst dann auf die Veränderungen reagieren, wenn es alle anderen bereits getan haben.

Abschließende Bemerkung

Es bleibt festzuhalten, dass alle Bereiche der Landwirtschaft immer wieder Veränderungen und Anpassungsprozessen unterworfen sein werden und somit die landwirtschaftlichen Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt sein werden. Der Tabakanbau in Deutschland wurde dafür stellvertretend als Beispiel ausgewählt. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, dass man die Augen vor den Realitäten nicht zu lange verschliesst und sich offensiv den Veränderungen stellt. Unternehmen müssen sich immer wieder neu ausrichten bzw. ihre Strategie anpassen, um weiterhin erfolgreich auf dem Markt bestehen zu können. Dazu zählt, dass Betrieb und Umfeld regelmässig analysiert werden, insbesondere in Bezug auf Stärken und Schwächen sowie auf Chancen und Risiken. Grundsätzlich ist es bei Veränderungsprozessen stets wichtig, sich gut zu informieren, Weiterbildungen zu besuchen, keine Angst vor fremden landwirtschaftlichen Bereichen zu haben, sich marktorientiert zu verhalten und intensive Kontaktpflege zu betreiben.

In der Regel sind diejenigen Betriebe die erfolgreichen, die sich offensiv den Veränderungen stellen ohne dabei ihre eigenen Wurzeln zu missachten oder gar zu verleugnen.


Eine Dienstleistung des BeratungsForum Schweiz (BFS).
Fachteil

Werbung